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                      Wie wär´s mit einem

                        neuen Wirtschaftswunder?

      Miami    Die Küche im Hause der Girls. Sophia steht am Herd und rührt in einem Topf. In den Raum kommt Rose mit Verzweiflung in den Augen.   

Rose: „ Ich habe eine Sünde begangen, die ich hätte vermeiden können. Dafür werde ich in der Hölle schmoren. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen.“

Sophia: „ Was ist passiert? Was hast du verbrochen? “

Rose: „ Gestern im Supermarkt hat mir die Kassiererin versehentlich 50 Cent Wechselgeld zu viel gegeben. Normalerweise zähle ich sofort, ob alles stimmt. Aber gestern traf ich an der Kasse unsere Nachbarin Mrs. Alison und statt mich um das Wechselgeld zu kümmern, musste ich ihr über unsere Zeit im “Golden Palace“ erzählen. Ob der liebe Gott mir das je verzeihen kann? “

Sophia: „Rose, wenn du schon mit ihm (zeigt zum Himmel) verhandeln willst, dann denk darüber nach, ob du schwerere Sünden, als diese blöde Wechselgeldgeschichte auf deinem Gewissen hast.“

Rose: „ Ich verstehe dich nicht? Kannst du mir eine Geschichte dazu erzählen? “ 

Sophia: „Stell dir vor: Sizilien 1970 oder, warte mal, war das in Brooklyn 1950? Auf jedem Fall  ist es am Ostern passiert: Francesca Trotellini, ein unverbesserliches Plappermaul, beschloss ein Osterbrot zu backen, um es beim Auferstehungsfest mit Weihwasser segnen zu lassen. Mehrere Stunden hat sie den Teig geknetet und gerührt, ruhen lassen und wieder geknetet und gerührt. Danach hat sie das Ganze in den Ofen zum Backen geschoben und ist kurz zur Nachbarin zum Tratschen gegangen. Als Sie später zurückkam, war das Brot total verkohlt, verkohlter geht´s nicht.

Arme Francesca. Sie hat es als Strafe Gottes verstanden, und ist sofort zum Beichten in die Kirche geeilt. Lieber Padre, sprach Sie zum Priester, vergeben sie mir meine Sünde. Zwei Tage habe ich den Teig fürs Ostbrot zubereitet. 2 Pfund Butter und 20 Eier hineingeschlagen. Und alles umsonst. Ich bitte Sie um Vergebung. Sag mir meine Liebe, fragte der Priester, Schäfchen Gottes Francesca: Wie oft hast du dein Ehegatte mit anderen Männern betrogen?

Einmal –antwortete die Sünderin kniend. Der Gottesmann sprach da zu Ihr: Für diese Sünden musst du Buße tun und nicht für den verkohlten Teig. Geh nach Hause, bestäube dein Haupt mit der Asche aus dem Ofen, und bete 50 Vaterunser für diese Sünde und 50 dafür, dass du mich jetzt belogen hast. “

Rose: „Was willst du damit sagen?“

Sophia: „Denk darüber nach…, oder frag den Padre“.(Rose versinkt in Gedanken). Blanche und Dorothy kommen in die Küche.

Dorothy: „ Kinder! Gerade hat mich meine Cousine Martha, die Tochter Ma´s jüngster Schwester, angerufen. Martha hat vor etwa 20 Jahren einen Deutschen geheiratet und lebt seitdem in Berlin. Die Ehe war nicht besonders glücklich: Während Martha, als politisch sehr engagierte Frau, ihre meiste Freizeit mit Parteifreunden verbrachte, stand ihr Ehegatte im Konflikt mit seiner Seele und seinem Körper. Am Ende ließ er sich zu einer Frau umoperieren, und ist mit dem Fahrschullehrer durchgebrannt. “

Sophia: „Kein Wunder bei der Frau“

Dorothy: „ Martha ist vielleicht ein wenig zu resolut und bestimmend, aber so schlecht ist Sie auch nicht. Bereits nach kurzer Zeit hat Sie eine neue Liebe gefunden. Er ist Professor an der Musikhochschule für Komposition und Jodeln.“

Rose: „ Mit dem Zeug habe ich mich auch mal beschäftigt, bis es mir beinahe zum Verhängnis wurde. Eines Tages bin ich so tief in mich versunken, dass man nur mithilfe der Kriegsmarinekapelle, die zum Glück gerade in St. Olaf gastierte, mich zurück in die Wirklichkeit holen konnte. Sie mussten dreimal ihr gesamtes Repertoire vor meiner Nase abspielen. “

Sophia: „So ganz haben sie dich doch nicht zurückgeholt, wie man sieht“

Dorothy: „ Rose. Nicht Yoga sondern Jooooodeln. Jodeln ist eine Gesangart aus Deutschland. “

Rose: „Ach So-o.“

Dorothy: „ Marthas neuer Freund wurde nach Chicago eingeladen, um bei der Uraufführung seines neuen Werkes mitzuwirken. Auf dem Rückweg wollen sie eine kurze Rast bei uns einlegen. “

An der Tür klingelt es. Alle vier Frauen gehen ins Wohnzimmer. Dorothy öffnet die Tür und ins Zimmer tritt Martha, eine vierzigjährige, resolute Frau mit kurzen Haaren, gekleidet in einen Hosenanzug. Ihr neuer Freund, einen Kopf kleiner als sie, trotz Bauch ist er agil, folgt ihr. Dorothy stellt das Paar aus Deutschland allen Anwesenden vor. Alle begrüßen einander.

Dorothy: „Erzähle uns bitte, wie die Premiere gewesen ist!“

Martha: „ Das war eine Katastrophe. Mark hat eine Symphonie für Orchester, Gartenschere und Jodeln geschrieben, namens „Der Frühling in der Heimat“

Das Ende des Stückes krönt eine Jodelnspassage, die den Beginn des neuen Lebens und Hoffnung auf bessere Zeiten symbolisiert. Diesmal sollte mein Freund das Jodelsolo persönlich übernehmen. Leider konnten Mark und ich nur zur Premiere nach Chicago kommen, und das Orchester musste ohne Gesang proben. Kein Wunder, dass am Premiereabend der Dirigent vergaß, Mark den Einsatz zu geben und die Symphonie, ohne die Hoffnung auf bessere Zeiten endete, die der Komponist mit seinem Gesang andeuten wollte.

Mark: „Und am nächsten Tag stand in allen Zeitungen Chicagos: Das Werk des deutschen Meisters klang deprimierend und hoffnungslos wie die heutige Stimmung im Land des Autors. (Er wirkt deprimiert und enttäuscht. Martha nimmt seine Hände und schaut ihn liebevoll an).

Dorothy: (Versucht die Stimmung aufzuheitern). Dass so was überhaupt passieren kann? Aber die Tage, die du mit Mark in Miami verbringst, lassen euch die Unpässlichkeiten der  letzten Tage vergessen. Wir zeigen euch Miamis Sehenswürdigkeiten, Blanche zeigt euch Miamis schöne Strände. Ma macht Panelloni mit Sauce Alforno, die du Martha, so magst und abends erzählt uns Rose einige St.Olaf Geschichten. Schade, dass ihr schon übermorgen Nachhause fliegt.

Blanche: „Mark, ich möchte sie fragen, ob sie mir einige Gesangstunden geben könnten? Wer weißt. Vielleicht nach zwanzig bis dreißig Jahren wird mein Körper für die Männer nicht mehr so begehrenswert sein. Dann kann ich sie mit Gesangkunst erobern. “

Dorothy (an Blanche):“ Den Unterricht hast du wirklich nötig. An den Rusty Anchor kannst du dich bestimmt noch erinnern?“

Martha: „Wir wären gern länger geblieben, aber in zwei Wochen haben wir in Deutschland die Bundestagwahlen, und den Wahlkampf, der jetzt in vollem Gange ist, kann ich mir nicht entgehen lassen. Es ist furchbar, die Regierung und die Opposition beschimpfen und beschuldigen sich gegenseitig der Krise, die momentan in unserem Land herrscht. Das Volk ist auch schon müde und will eine Veränderung. Es ist schon bereit, eine Vogelscheuche zu wählen, wenn sie ihm  Goldene Berge verspricht.“

Sophia: „Bei uns, in Sizilien, konnte nur einer Politiker werden, der die dicksten Kürbisse in seinem Garten pflanzte oder guten Beton gießen konnte.“

(Alle schauen Sophia verwundert an).

Dorothy: „ Wir gehen jetzt in die Stadt und zeigen euch Miamis Sehenswürdigkeiten. “

Martha:“ Sehr gern, anschließend laden wir Sie zum Essen ein.

(Alle machen sich zum Ausgehen fertig. Nur Rose bleibt auf dem Sofa sitzen)

Martha: „Rose, gehen sie nicht mit?“

Rose: „Vielen Dank für ihre Einladung, aber ich fühle mich nicht besonders gut“

Blanche: (Umarmt Rose) „Rose, Schätzchen, beruhige dich! Du wirst doch nicht wegen dieser Kleinigkeit dir den ganzen Tag vermiesen?“

Rose: „ Sehr nett von dir Blanche, ihr seid echte Freunde. Ich bleibe heute doch zuhause. “

Sophia: (Sarkastisch) „Lass sie in Ruhe auf die Polizei warten.“ (Dorothy schubst die Mutter zur Tür. Alle begeben sich zum Ausgang.

Blanche: (An der Tür) „Martha Sie haben Mark bestimmt bei einem Konzert getroffen:

Martha: Nein…An der Mülltonne. Eines Abends bin ich rausgegangen um Joghurtbecher umweltfreundlich zu entsorgen…“(Gehen raus.)

Rose setzt sich aufs Sofa, macht die Augen zu, und schläft ein.

An der Tür klingelt es. Aus der Küche kommen Blanche, Dorothy und Sophia Rose öffnet die Tür. Ein ca. 40 Jahre alter Mann, mit Anzug und Krawatte bekleidet und mit einem Aktenkoffer in der Hand, betritt das Haus.

Der Besucher: „ Guten Tag. Mein Name ist Peter Guth. Guth wird mit „th“ geschrieben. Ich möchte mich entschuldigen, dass ich mich nicht angemeldet habe. Ich komme aus Deutschland mit einem großen Anliegen. Kurz gesagt, meine verehrten Damen sie, sind die letzte Hoffnung des deutschen Volkes.

Dorothy: "Ah-ja? Interessant. “

Der Besucher:“ Es findet sich in unserem Land niemanden, der vernünftig regieren könnte. Alle Parteien und Kandidaten meinen zu wissen, was für Deutschland gut ist und versprechen Goldene Bergen, aber sobald sie gewählt werden, vergessen sie schnell ihre Versprechungen und alles bleibt beim Altem. Es schien auswegslos zu sein und plötzlich kam uns eine geniale Idee: Es waren doch amerikanische Freunde, die vor mehr als fünfzig Jahren unserem Land aus der tiefsten Krise zum Frieden und Wohlstand verholfen hatten. Warum, haben wir uns gefragt, gehen wir nicht den bewerten Weg nochmals und bitten nicht unsere amerikanische Freunde um Hilfe. Und wer, meine Damen, ist besser geeignet für diese Aufgabe als sie? Sie sind so verschieden und sie haben, wie in jeder Wohngemeinschaft, ihre Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Trotzdem gelingt es ihnen, dank ihrer Kompromissbereitschaft und Erfahrung immer ihren Haushalt erfolgreich zu führen. (Nimmt ein Papier aus dem Aktenkoffer) Würden sie bitte zuerst hier unterschreiben?

Blanche: „Nicht so eilig, Herr Guth. Was ist das?“

Der Besucher: „Das ist eine Autogrammkarte. Ich bin nämlich ein großer Fan von ihnen. (Alle vier Frauen unterschreiben die Karte)

Und jetzt zur eigentlichen Thematik meiner Visite: Das deutsche Volk hat mich beauftragt ihnen mitzuteilen, die Regierung in unserem Land zu übernehmen. Frau Petrillo ist in Ausland geboren worden und ist als siebzehnjähriges Mädchen nach Amerika ausgewandert. In ein Land mit ganz anderen Sitten und Gebräuchen, wo sie sich anpassen und integrieren musste, ohne ihre eigene Wurzeln aufzugeben.Wie keine andere passt sie für den Außenminister Posten.

Sophia: „Ja, aber nur, wenn ich auch das Bauamt übernehmen darf. Schon als Kind in Sizilien habe ich davon geträumt, ein eigenes Haus zu bauen.

Dorothy: „Beton zu gießen liegt dir Ma, als Sizilianerin, besonders am Herzen“

Sophia: „Sei nicht frech zu deiner Mutter“

Herr Guth: „Frau Deverow bitten wir ans Ruder des Ministeriums für Kultur und Aerobic. Durch ihren Beruf und ständige körperliche Ertüchtigung haben sie sich die nötige Erfahrung und Kompetenz angeeignet.

Blanche: „Aber gerne übernehme ich diesen Posten. Besonders in Fragen der körperlichen Ertüchtigung bin ich kompetent wie keine andere“ (Sophia versucht was etwas zu sagen, aber Dorothy hält ihr den Mund zu).

Herr Guth: „Sie Frau Sporneck, bitten wir die Verantwortung für die Bildung, Familie und Archäologie zu übernehmen.

Blanche: (Unterbricht Herrn Guth) „Die Archäologie übernehme ich.“

Dorothy: (Aufgebracht) „ Blanche, ich kann mich nicht entsinnen, dass du dich jemals für Archäologie interessiert hättest.“

Blanche: „Umsomehr aber für die Archäologen, wie sie sich allein in der Wüste durch Gestein und Sand, Zentimeter für Zentimeter mühevoll hindurcharbeiten… Allein, ohne Familie und Frau. (Beginnt zu schwärmen) Ihre halb nackten, gebräunten, muskulösen Körper glänzen in der gnadenlosen Sonne. Oh- je.

Dorothy: (Eher rhetorisch) „Und diese Wahnsinnige soll regieren?“

Blanche: (Schaut Dorothy verächtlich an) „Dorothy und die Familienpolitik, dass ich nicht lache! Sie soll zuerst mit ihrer eigenen Familie zurechtkommen.“

Dorothy: (Streitbar) „Ach…“

Rose: (Entschieden) reißt euch zusammen… Mädels.

Herr Guth: „Und `last but not least´zu Frau Nyland.

Rose: (Leiser durch die Zähne zu den anderen Frauen) „Schon wieder diese Modeausdrücke.“

Herr Guth: „Wenn sie Frau Nyland das Agrarministerium und das Amt für Wasser und Kaffee übernehmen, werden wir uns sehr…“(An der Tür klingelt es. Blanche öffnet die Tür. Ein Polizist betritt den Raum)

Der Polizist: „Guten Tag Madame. Ich bin Officer Johnson von der Polizei Miami. Wohnt hier Rose Nyland?

Rose: (irritiert und unsicher zugleich) „Ich bin Rose Nyland.

Der Polizist: „Sie haben gestern beim Einkaufen fünfzig Cent Wechselgeld zu viel bekommen und ohne die Kassiererin auf dieses Missgeschick hinzuweisen, haben sie den Supermarkt verlassen, damit haben Sie der Wirtschaft der Vereinigten Staaten großen Schaden zugefügt. Ich habe den Befehl sie Rose Nyland zu verhaften.“

Her Guth: „ Aber sie dürfen Frau Nyland nicht verhaften. Sie fliegt nämlich zusammen mit drei anderen Frauen nach Deutschland, um dort die politische Führung zu übernehmen.“

Der Polizist: „ Es tut mir Leid, aber in unserem Land werden alle gleich behandelt. Egal, ob Präsident oder Hausfrau“ (zieht Rose die Handschellen an)

Rose: (Schreit verzweifelt) „Das habe es nicht gewollt. Ich habe es nicht gewollt. ..Ich habe es nicht gewollt.“

Ins Zimmer kommen:  Blanche, Dorothy, Sophia und Gäste aus Deutschland. Sie sehen Rose auf dem Sofa liegen und hören sie im Schlaf reden.

Blanche:(Schüttelt Rose leicht) „Rose, Schätzchen, wach auf!“

Rose: (langsam aus dem Schlaf aufwachend) „Wo bin ich? Bin ich schon im Knast?“

Blanche: „Rose, wach auf, du verschläfst alles. Die ganze Stadt spricht schon von der Neuigkeit. (Blanche macht den Fernsehapparat an. Rose, zusammen mit den anderen schaut aufmerksam auf den Bildschirm. Dort ist Folgendes zu sehen: Vor einem Supermarktgebäude steht eine Frau mit einem, zirka zwei Kilogramm schweren Steinbrocken auf einem Tablett. Ihr gegenüber steht eine Fernsehenreporterin mit einem Mikrofon. Beide Frauen sind wiederum von mehreren Fotografen, Kameramännern und vielen Gaffern umringt.

Rose: (Aufgebracht) „Das ist doch die Kassiererin von gestern, die mir zu viel Wechselgeld gegeben hat.“

Die Reporterin in Fernsehen: „Sie sagen also, dass dies der Meteorit ist, der das Dach des Supermarktes durchschlagen hat?“

Die Kassiererin: (Sichtlich überwältigt vom Geschehen) „Ja, gestern Abend nach dem Arbeitsende saß ich am Tisch und zählte meine Tageseinnahmen. Es fehlten 50 Cent. Ich zählte nach. Das Geld fehlte immer noch. Ich stand auf, ging zur Tür, um in der Kasse nachzusehen. In dem Moment fiel dieser Stein mit aller Wucht durch die Decke direkt auf den Platz, wo ich ein paar Sekunden zuvor saß.“

Die Reporterin: „Sie behaupten also, dass die fehlenden fünfzig Cent ihr Leben gerettet haben?“

Blanche: (Schaltet den Fernseher aus) Rose, jetzt verstehst du, was das bedeutet?

Alle Anwesenden betrachten Rose als Heldin.

Rose: (Geheimnisvoll)„Heißt das, als ich gestern das Wechselgeld in die Tasche legte, war der Meteorit schon unterwegs zur Erde?“

Alle Anwesenden schauen Rose mit gemischten Gefühlen an.

 

Der Vorhang fällt.                                                                              Offenbach, 10 September 2005

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